gb – teil 3

Mittwoch war tatsächlich ausruhen angesagt. Nichts geschah und nichts konnte geschehn. Hunde und wir genossen einen durchweg faulen Tag in der Hütte und am Strand. Da heute Freitag und damit unser letzter Tag hier in Campbeltown ist, erlaube ich mir heute auch ein abschließendes Urteil, aber dazu später mehr.

Donnerstag fing gemütlich an und sollte auch so enden. Essen und dazu ein Gläschen Wein. Bei den Bomben, die wir dabei haben, würde jeder Außenstehende neidisch, aber uns tut das ganz gut so. Da wir aber abends zum Essen ins 2km entfernte Restaurant gehen wollten, sollte uns das noch zu einem kleinen Verhängnis werden. Dort angekommen stellten wir zunächst zwei Dinge fest: Die „Beispielkarte“ aus dem Netz ist auch die Realkarte. Das bedeutet, dass sich diese Karte seit Jahren nicht ändert und einfach eine normale britische Pub-Food-Karte ist mit den ganzen Standardgerichten eben. Nicht mehr, aber leider auch mit weniger, denn nicht einmal hier standen Fisch oder Seafood auf dem Plan. Unfassbar. Ein Scotch Egg, Chicken Balmoral, vegetarische Shepherds Pie und ein gegrillter Schafskäse mit Zwiebelconfit waren unsre ersten beiden Gänge und auch die verrieten etwas,…etwas Drittes. Das zweite aber, das ich hier zuvor erwähnen muss, ist die Einrichtung des Restaurantbereichs: Im hinteren Teil ein wunderschöner Wintergarten und voll verglast mit Blick über die Terrasse auf den Atlantik. Aber jetzt kams: Die Tische mit einem gusseisernen Gestell und einer graumelierten MDF-Platte erinnerten an Gartenmobiliar aus den 90ern. Die grau gepolsterten Klappstühle wie aus einem Konferenzraum der gleichen Epoche. Irgendwas war hier schiefgelaufen und stehen geblieben. Genau wie der Koch. Handwerklich gut, aber die Kreationen waren einfach derart 90er, dass wir uns nur über den Preis freuten. Die ganze Region hier schien komplett stehengeblieben, als ob die Zeit still stünde und am Hier und Jetzt einfach vorbeigegangen sei. Auch der teuerste Wein der Karte, ein südafrikanischer Chenin Blanc mit Schraubverschluss für 14 Pfund bestätigte diesen Eindruck – alle waren nett und bemüht, aber das reicht eigentlich heute irgendwie nicht mehr. Es gab nichts, über das man sich beschweren konnte – und doch alles.

Die junge Kellnerin war wirklich äußerst nett und bemüht und versuchte uns ganz offensichtlich noch zu einem Abend im angrenzenden (und optisch traditionellen Pub) zu überreden. Folk night, von den Locals gespielte Live-Musik und ein Abend unter Leuten standen auf der Habenseite unserer Zweier-Diskussion, das Problem mit dem Auto, dem Alkohol und den Hunden auf der Soll-Seite. Wir waren unentschlossen und ließen einige Zeit verstreichen und hatten glücklicherweise den Einfall, draußen frische Luft zu schnappen beim Nachdenken und den weiteren Verlauf des Abends. Als wir nämlich gerade dort standen hielt ein Kleinbus vor der Tür zum Pub, der Fahrer stieg aus und öffnete persönlich den Ausstieg und klappte behutsam die Tritthilfe heraus. Die war auch nötig, denn was nun aussteigen sollte, war unsere beste Entscheidungshilfe: Da kamen sie, die von der netten Bedienung freundlich umschriebenen Locals – im Alterschnitt ca. 94 Jahre. Es waren Scheintote, Rollatorkommandanten und Grabflüchtlinge. Wir wechselten kurz einen halben Blick und stiegen in unser Auto, Natascha bekam einen Lachkrampf und bat mich, sie in die 50 Jahren nochmals hierher zu begleiten. Uns blieb ein schöner Abend in der Hütte mit einer tollen Flasche Wein.

Freitags früh hatte ich die Idee, Natascha zu überraschen. Ich recherchierte eifrig und wollte wenigstens am letzten Tag hier die Hoffnung auf Fisch und das oder andere zu findende Kleinod nicht aufgeben. Ich machte ein indisches Restaurant ausfindig, einen lokalen Käsehersteller und einen Fischladen. Kurz gesagt: Wir fuhren nochmals in die „Metropole“ der Region nach Campbeltown und das erste, das enttäuscht wurde, waren die Erwartungen: Der Inder hatte zu, geschlossen. Wo laut Google die Käsemanufaktur sein sollte, tat sich ein verlassenes Gebäude vor uns auf und der Fischladen war in etwa so einladend wie eine Autobahntoilette. Es gab hier nichts. In dieser Region gab es nichts. Es gibt hier mangels landschaftlicher Attraktionen keinen großartigen Tourismus (und ich werde jeden warnen vor dieser Unternehmung), es gibt hier ein halbes Jahr keine Fähranbindung zum Festland, es gibt hier keine Konkurrenz, keinen Kulturdruck, keine Einflüsse und damit auch nichts, was hier etwas entwickelt oder voranbringt. Die Zeit hier blieb stehen, irgendwann zwischen 1980 und 1995, die Menschen hier sind nette Hinterwäldler, die Region ein Anachronismus der langweiligen Sorte. Man hätte hier viele Chancen, vor allem in kulinarischer Hinsicht die tollen Rohstoffe auszunutzen – aber man muss es nicht und so lässt man es einfach bleiben. Attraktiv geht anders und somit bleibt die Feststellung, dass diese Region die bisher wirklich schwächste Region dieses tollen Landes darstellt. Der letzte mir unbekannte Zipfel hielt sich nicht das Beste, sondern das Langweiligste bis zum Schluss auf und mir kam schon die Erkenntnis, dass es einen Grund gehabt haben musste, weshalb ich instinktiv all die Jahre immer einen Bogen um diesen Landstrich gemacht habe.

Und was kann ich zur Hütte verlieren? Die Hütte ist für britische Verhältnisse wirklich schön. Panoramafenster, aus dem IKEA-Katalog bis ins Kleinste ausgestattet, es mangelt an nichts. Nur an Ruhe. Denn trotz der wunderbaren Aussicht direkt auf den Atlantik führt der Blick hinweg über die Hauptverbindungsstraße Nord-Süd – und da rollt eine Menge Verkehr. Schalldicht geht nicht, nachts erst Recht nicht. Und so bleibt die Erkenntnis, dass diese Straße, von der nirgendwo die Rede zuvor gewesen war, der Genickbruch für eine tolle Hütte ist. Denn wenn ich schon einen kulturell und landschaftlich benachteiligten Landstrich besiedle und mich zur Erholung dorthin zurückziehe, also beschließe, einfach zu entspannen, dann möchte ich das doch bitte auch in Ruhe tun: Ohne Autos, ohne LKW, ohne Lärm und ohne Abgase. Das ist schade und so kriegt die Hütte hier von mir nur ein mittelprächtiges Urteil. Die typisch britisch-strukturellen Fehler wie Sickergrube, Durchlauferhitzer und atypische Schließsysteme lasse ich dabei schon außen vor. Das gibt eine 4- und hätte eine 4+ sein können, wenn der Preis nicht auch noch recht stolz gewesen wäre. Insofern haben wir wohl in dieser Region noch die Top-Hütte erwischt, aber mehr als eine Verbindungsstraße und diese Hütte hat die Region ja leider auch nicht zu bieten. Also, Campbeltown: Been there, done that. Freue mich auf Ken, Valerie und ein beinahe mondän anmutendes Ayrshire morgen – da geht was 🙂