2 saetze

ich kann zwei aussagen von mensch nicht mehr hoeren:

“ich will keinem vorschreiben, wie er zu leben hat” und “ich bin bestimmt kein weltverbesserer”.

beide saetze gehoeren zum tagtaeglichen allgemeingut in unserer gesellschaft und nach beiden saetzen fuehlt sich der sprecher sicher, in einer guten gespraechsrolle und / oder sogar ueberlegen. das haengt mit den grundsaetzlichen fehlentwicklungen zusammen, die unsere gesellschaft jeden tag ein stueck weiter geht. fangen wir einfach einmal hinten an: “ich bin bestimmt kein weltverbesser”. bitte?

was sagt uns dieser satz? in der meinung des sprechenden will er damit sagen: “hey, seht her. ich bin realist und ich weiss genau, wie die welt funktioniert. also brauch ich mir keine gedanken darum machen, was falsch laeuft, denn – selbst wenn ich wollte – ich koennte es nicht aendern”.

tatsaechlich aber sagt er aus: “ich bin ein mensch, der noch nie wahrgenommen hat, was es zu verbessern gaebe” – eine arme sau. ein echtes schaf in dieser gesellschaft, besser nicht um rat fragen. er kann aber auch aussagen: “ich habe gesehen, was es zu verbessern gaebe, habe aber aufgegeben danach zu streben oder mich dafuer einzusetzen, weil es zwecklos ist”. na danke. im mindesten fall haben wir es hier mit einem vollkommen uninspirierten menschen zu tun, der voellig resigniert und fatalistisch versucht, sein eigenes kleines erbaermliches leben ueber die ziellinie zu schleppen. im schlimmeren fall aber handelt es sich um einen notorischen egoisten, dem der rest der gesellschaft(en) vollkommen egal sind und der nur auf den eigenen vorteil erdacht ist. und um ehrlich zu sein: bei der masse an menschen, die das rad mit anschwingen, haben wir es heute mit verdammt vielen egoisten zu tun. also mit denen, die im regelfall zu recht aus einer gesellschaft ausgeschlossen sind. doch was geschieht bei uns in haeufigen faellen? dort, wo marktwirtschaft und kapitalismus regieren werden egoisten weit kommen, ihre pfruende sammeln und gemeinhin als wertvolle mitglieder der gesellschaft angesehen werden, ueberhauft mit geld und luxusguetern, die sich der rest der gesellschaft nicht leistet / nicht leisten kann / will.

und wo liegt nun der hase im pfeffer? genau, dem geneigten wird der springende punkt aufgefallen sein: marktwirschaft und kapitalismus – das funktioniert nicht. oder anders – es funktioniert schon, aber eben nur fuer diejenigen unter uns, die zu den egoisten zaehlen und mit einer besseren welt definitiv nichts zu tun haben und noch nie hatten.

kommen wir zur zweiten aussage: “ich will keinem vorschreiben, wie er zu leben hat”. auch diese aussage ist mit positiver resonanz verbunden, zeugt doch der sprecher damit von einer angeblich liberalen grundeinstellung und davon, dass er speziell das gegenueber in seiner freiheit belaesst. meist fuehlt sich auch hier der sprecher dann in einer moralisch gefestigten rolle, unantastbar fuer kritiken. um was handelt es sich tatsaechlich? will er das tatsaechlich nicht? unsinn. jeder genau dieser menschen wuerde am liebsten dem nachbarn vorschreiben, wie hoch dessen hecke zu sein hat und ist meist sehr gluecklich ueber gesetzgebungen, die die parksituation in seiner strasse/stadt regeln. das ist die form vorgespielter liberalismus, auf die deutsche reaktionaere gerne zurueckgreifen, wenn es um fleisch und benzin geht, eben luxusgueter, ueber die man sich keine gedanken machen moechte. das bei all der engstirnigkeit dabei aber der blick fuer das wesentliche stets verloren geht und die parksituation keineswegs ein gesellschaftliches problem darstellt, der fleischkonsum und das fahr- und flugverhalten der gesellschaft hingegen schon, das wird nicht wahrgenommen oder bewertet. wuerde sich dieser herrlich liberale mensch tatsaechlich einmal gedanken um seine gesellschaft statt um sich machen, so kaeme er unweigerlich zu dem schluss, dass eine grundsaetzliche aussage zur lebensweise ohne einzelfallregelung der einzig wahr schluss sei.

was bleibt unterm strich? genau, eine verkehrte welt. wahr ist unwahr und die menschen leben in und mit der luege. wie schafe, die sich ihr eigenes schafott bauen stolpern wir voran und betrachten das, was heuer gesellschaftlich tragbar bis anerkannt und geruehmt ist, als gottgegeben und alternativlos. zum einen aber ist der tellerrand in diesem fall nur auf die letzten 30-40 jahre beschraenkt; die geschichte koennte uns lehren, dass gesellschaftliche normen einerseits in staendigem wandel sind und zum andern retrospektiv betrachtet groesstenteils stets falsch lagen. nur ein egozentrismus liesse den arroganten schluss zu, dass man den stein der weisen gefunden habe. zum anderen ist das wort alternativlos ein wort, das in einer demokratie qua defintion nicht existiert – die wahl einer partei, deren oberhaupt dieses wort inflationaer und totalitaer gebraucht bedeutet schon vieles fuer deren waehler und den willen der gesellschaft. und was hat das wort “alternativlos” denn bitte schoen mit “liberal” zu tun…?